Samstag, 26. Juni 2010

Tigerfutter


Ich sehe in zwei runde glitzernde Augen und weiss, ich bin nicht mehr und nicht weniger als eine grosse Dose Tigerfutter. Und doch ..... einen Moment lang könnte ich dieser prächtigen Kreatur gegenüberstehen, das Fell zwischen den Ohren anfassen .... doch dazu würde es gar nicht kommen. Mein Arm würde wie ein Grissini zerbrechen und verspiesen werden, bevor seine mächtige Tatze mir das Lebenslicht auslöscht und sein Gebiss sich in meinen Hals gräbt, um den fetten Braten an eine sichere Stelle zu schleppen. Dann würde er genüsslich all die essbaren Teile vom Skelett reissen, gesättigt den Geiern etwas übriglassen und dann ein Nickerchen unter einem grossen Baum machen und träumen, derweil einer seiner Verwandten im Jardin des Plantes von Paris in seinem Käfig hin und hertrottet:


Sein Blick ist im Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein grosser Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf - . Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke

Bin ich Opfer oder Jäger? Was würden all die Katzen sagen, die schon bei mir gelebt haben?

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